Die Winterreise

(Wilhelm Müller/Franz Schubert)

 

Prolog

 

Die Winterreise wird üblicherweise mies gesungen, weil die Sänger sich die Situation des Reisenden nicht vorstellen können. Es kommt ein Leidensgeseihere heraus, das mit der wirklichen Gemütsverfassung eines Winterreisenden nichts zu tun hat.

Hoffnung ist allerdings in Sicht: Vor kurzem (als ich diesen Text schrieb, also 2006) entdeckte ich die Aufnahme von Christoph Prégardien und Andreas Staier aus dem Jahr 1996. Ja, ja, jaaa!! Dieser Klavierspieler weiß, wovon er spielt, er weiß, wie es ist, wenn man ohne ein bestimmtes Ziel aus der Gesellschaft der Stubenhocker aussteigt und des Wildes Tritt sucht. Er weiß, in welcher Geschwindigkeit man durch den Schnee zu gehen hat, damit es einem warm ums Herz wird und man nicht erfriert an äußerer und innerer Kälte. Er kennt den scharfen Kontrast zwischen der geheizten Bürgerwelt und der verschneiten Landstraße - und er reißt den Sänger mit...

Die Frage ist aber, inwieweit diese gelebte Winterreise dem Publikum vermittelbar ist. Ob ich nun an romantische Kreaturen denke, die sich zwischen Kaffee und Kuchen ein bisschen Schubert servieren, oder an rundrückige Gestalten, die mit schmerzenden Augen vor dem Computer hocken und sich die Freiheit erklicken wollen - der Winterreisende ist heute wie damals fern von uns, es scheint nahezu unmöglich in seine Welt vorzudringen. Und doch: Versuchen wir's!

 

1. Gute Nacht

(in gehender Bewegung)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Fremd bin ich eingezogen,

fremd zieh ich wieder aus.

Der Mai war mir gewogen

mit manchem Blumenstrauß.

Das Mädchen sprach von Liebe,

die Mutter gar von Eh' -

nun ist die Welt so trübe,

der Weg gehüllt in Schnee.

 

Ich kann zu meiner Reisen

nicht wählen mit der Zeit:

muss selbst den Weg mir weisen

in dieser Dunkelheit.

Es geht ein Mondenschatten

als mein Gefährte mit,

und auf den weißen Matten

such ich des Wildes Tritt.

 

Was soll ich länger weilen,

dass man mich trieb hinaus?

Lass irre Hunde heulen

vor ihres Herren Haus!

Die Liebe liebt das Wandern,

Gott hat sie so gemacht,

von einem zu dem andern,

fein Liebchen, gute Nacht!

 

Will dich imTraum nicht stören,

wär' schad um deine Ruh.

Sollst meinen Tritt nicht hören,

sacht, sacht die Türe zu!

Schreib im Vorübergehen

ans Tor dir Gute Nacht,

damit du mögest sehen:

An dich hab ich gedacht.

 

 

Fremd - man kennt mich nicht, nach wie vor; die Romanze mit dem Mädchen hat leider ihrerseits zu keiner vertieften Einsicht in meinen Charakter geführt... Und auch mir ist ihre Welt fremd geblieben, ich gehöre jetzt genau so wenig dazu wie vorher. Sie erwartete (und bekam), endlich eine Liebeserfahrung zu machen, die sie in ihr Tagebuch eintragen konnte. Thema abgehakt. Ihre Mutter rechnete mit weiter reichenden Möglichkeiten, einen erfolgreichen Abschluss ihrer Erziehungsarbeit in Aussicht. Über Liebe spricht man nicht, wenn man sie nicht töten will, das wusste fein Liebchen nicht, und auch ich wollte es nicht wissen, um den Frühling genießen zu können. Jetzt haben wir die Bescherung: Wir haben sie u.a. auch durch unser Hinaustrompeten abgemurkst.

Ich kann mir keine angenehmere Zeit aussuchen, jetzt sofort muss gegangen sein! Und niemand sagt mir, wohin. Ich nehme mein Leben selbst in die Hand, begleitet von meinem Schatten - meinen Erinnerungen, meinem Unterbewusstsein - auf den Spuren der wilden Tiere. Und nicht nur, weil es sich dort besser geht als im Tiefschnee: Hier beginnt meine Mannwerdung, meine Unabhängigkeit vom gemachten Bett. Die Zeiten sind dunkel, aber anstatt mich zu fürchten oder im geheizten Umfeld dem Ende meiner Liebesbeziehung beizuwohnen: ein Schritt ins Leben!

Ich kann gern darauf verzichten, so lange zu warten, bis ich offiziell den Korb kriege, und habe kein Bedürfnis mich in Schmerzensgewinsel aufzulösen. Die Liebe liebt das Wandern: Der liebende Mensch muss weiter, um nicht kaputt zu gehen an der Lieblosigkeit seines Gegenübers. Und deine Liebe wandert insofern, als sie sich ein neues Objekt findet. Wie wär's nach der poetischen Episode vielleicht mal mit etwas Konkreterem, Realerem, man muss ja schließlich auch an die Zukunft denken, Haus und Vermögen...

Träum weiter! Aber ein Zeichen lasse ich dir zurück, ein Zeichen, das dich vielleicht manchmal, auch in späteren Jahren noch, zweifeln machen kann. Hast du nicht doch vielleicht etwas versäumt mit mir? Wäre der andere Weg nicht doch der bessere gewesen?

 

Was macht Schubert? Durch eine raffinierte kleine Textumstellung betont er: Die Liebe liebt das Wandern von einem zu dem andern. Und in dem Moment, in dem der Wanderer definitiv sein Zimmer verlässt und zur Haustür schleicht, hellt sich das bedrückende Moll in ein aufatmendes Dur auf. Freiheit aus (beidseitig?) Besitz ergreifender Beziehung! Dann, nachdem er die Worte Gute Nacht ans Tor geschrieben hat, huscht ihm allerdings ein erster Schatten von Schwermut über die Seele...

(Andreas Staier demonstriert uns hier, wie ein Fortepiano auf Zehenspitzen durchs Haus schleichen kann.)

 

2. Die Wetterfahne

(ziemlich geschwind)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Wind spielt mit der Wetterfahne

auf meines schönen Liebchens Haus.

Da dacht' ich schon in meinem Wahne,

sie pfiff' den armen Flüchtling aus.

 

 

Er hätt' es eher bemerken sollen,

des Hauses aufgestecktes Schild,

so hätt' er nimmer suchen wollen

im Haus ein treues Frauenbild.

 

 

Der Wind spielt drinnen mit den Herzen

wie auf dem Dach, nur nicht so laut.

Was fragen sie nach meinen Schmerzen?

Ihr Kind ist eine reiche Braut.

 

Draußen weht ein forscher Wind, der die Wetterfahne rotieren lässt und mir auf einen Schlag die Augen öffnet für weibliche Flatterhaftigkeit. Die eigene Blödheit wird peinlich deutlich, mein lächerliches Vertrauen in ihre Ernsthaftigkeit.

Schon wird mir klar, dass ich davonlaufe - nicht ohne Selbstmitleid. Deutlich wird mir auch, dass sie die reiche Neuerwerbung heiraten wird. Die Anteilnahme der Herrschaften Eltern an meinem Schicksal half ihnen wohl sich mit den neuen Gegebenheiten anzufreunden ohne ein schlechtes Gewissen haben zu müssen...

 

Schuberts Musik zieht die Gefühlswelt des Wanderers ein Stück weiter ins Zornige, in den Ärger über sich selbst. Wie der Wind tobt seine Wut.

Die eindrucksvollste Stelle öffnet sich aber bei der Wind spielt drinnen mit den Herzen: kaltes Grauen, flüsterndes Erschauern vor weiblichem (oder bürgerlichem) Wankelmut, vor Oberflächlichkeit, Boden-Losigkeit. (Hier zeigt sich eine typische Schubertsche Spezialität: Ausdruckssteigerung durch Leisewerden. Viel mehr als das hinausgeschriene Gefühl wühlen das leise gesagte Unfassbare, der flüsternde Wahnsinn die Seele auf. Nicht äußere, sondern innere Dramatik, das ist Schubert. Innere Dramatik bis an die Grenze des Erträglichen. Kein Wunder, dass schon 200 Jahre lang gern an ihm vorbeigehört wird...)

Nach diesem Blick in die Abgründe der Bürgerseele wird der Aufschrei meine Schmerzen wiederholt und doppelbödig: Zum Schmerz über die verlorene Liebe gesellt sich der Schmerz über den psychischen Zustand dieser Leute.

 

3. Gefrorne Tränen

(nicht zu langsam)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Gefrorne Tropfen fallen 

von meinen Wangen ab: 

ob es mir denn entgangen, 

dass ich geweinet hab?

 

Ei Tränen, meine Tränen, 

und seid ihr gar so lau, 

dass ihr erstarrt zu Eise 

wie kühler Morgentau?

 

Und dringt doch aus der Quelle 

der Brust so glühend heiß, 

als wolltet ihr zerschmelzen 

des ganzen Winters Eis!

 

Und wieder ein ganz kurzes, aber sehr konzentriertes Gedicht mit viel Inhalt:

Der Wanderer wird sich seiner Trauer bewusst und auch dessen, dass er sie bis jetzt verdrängt hat; er fragt sich aber, ob seine Leidenschaft womöglich doch nicht so groß ist wie angenommen; sein Herz brennt jedenfalls danach, die Kälte zu besiegen, und zwar nicht die Kälte der spröden Schönen, sondern die Kälte dieses ganzen Winters.

 

Schubert zieht alle Register: Vom Tropfen der Eistränen in den Schnee, vom Weinen, hebt sich die Musik in die zweifelnde Frage der zweiten Strophe, Atem holend, und geht nahtlos in die dritte über, mehr und mehr anschwellend zu einem Verzweiflungsschrei gegen die Kälte des Winters, die Kälte unserer Gesellschaft, die Kälte in der Beziehung zwischen den Geschlechtern, sich wiederholend, noch weiter steigernd: Verdammt, seht ihr das Eis um euch herum nicht? Fühlt ihr die Kälte nicht, in die ihr euch eingesargt habt??

Und nun erfolgt die Krönung dieses Liedes zum Meisterwerk: Wenn sich der Sänger ausgeschrien hat, lässt das Klavier in boshaftestem Sarkasmus völlig ungerührt die Eiskügelchen weitertropfen, die ganze wilde Leidenschaft des Wanderers auf ein paar gefrorene Tränen reduzierend.

Trotz des deprimierenden Inhalts ist dieser Effekt so überraschend und komisch, dass man einfach lachen muss über das Geschrei des Heißblütigen, das völlig effektlos in der Kältesteppe vertropft. Humor ist, wenn man trotzdem lacht.

Besonders gut kommt die Schlusspointe zur Geltung, wenn das Lied (wie vorgeschrieben) etwas flotter angegangen wird, wie z.B. von Ian Bostridge und Leif Ove Andsnes (2004).

4. Erstarrung

(ziemlich schnell)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ich such im Schnee vergebens 

nach ihrer Tritte Spur, 

wo sie an meinem Arme 

durchstrich die grüne Flur. 

 

 

Ich will den Boden küssen, 

durchdringen Eis und Schnee 

mit meinen heißen Tränen, 

bis ich die Erde seh. 

 

 

Wo find ich eine Blüte? 

Wo find ich grünes Gras? 

Die Blumen sind erstorben, 

der Rasen sieht so blass. 

 

 

Soll denn kein Angedenken 

ich nehmen mit von hier? 

Wenn meine Schmerzen schweigen, 

wer sagt mir dann von ihr?

 

 

Mein Herz ist wie erstorben (Schubert: erfroren)

kalt starrt ihr Bild darin: 

Schmilzt je das Herz mir wieder, 

fließt auch ihr Bild dahin.

 

Man musste es ja schon im vorigen Lied befürchten: Der Wanderer steht innerlich weit weniger über den Dingen, als er es sich zugibt. Jetzt erleidet er einen schweren Rückfall in sein Liebesleid, er sucht sogar die Plätze auf, wo er mit ihr glücklich war. Wolltest du nicht des Wildes Tritt suchen??

Verzweifelt sucht er nun nach einer Blume, nach etwas Grünem, woran sich seine Erinnerung festklammern könnte, in einem Zustand von Raserei und geistiger Verwirrung.

Allerdings erkennt er gleichzeitig die Realität ganz deutlich. Es beginnt sich hier ein Spaltungsprozess abzuzeichnen; er lässt sich in eine Art von Wahnsinn abgleiten und sieht sich selber dabei zu. So bemerkt er ab der vierten Strophe sehr klarsichtig, dass sein Liebeskummer nicht ewig dauern wird. Er hat aber Angst davor, im Fall des Absterbens seiner Liebesschmerzen die ganze Erinnerung an sie zu verlieren. Sein erstorbenes Herz (von Schubert auf erfrorenes Herz korrigiert) soll erstorben bleiben, es dient so als Tiefkühltruhe für seine eben nicht verflossene, sondern kurz vor dem endgültigen Verwesen schnell noch eingefrorene Liebe.

 

Schon mit der Tempobezeichnung ziemlich schnell macht Schubert von Anfang an klar, dass diese Erstarrung keine statische ist, sondern ein Rotieren im Kreis, das Unvermögen aus dem Labyrinth des Liebeskummers auszubrechen. Vielleicht gar nicht Unvermögen, sondern Unlust: das Spiel mit dem Wahnsinn im Versuch, einen Beweis für die eigene Leidenschaft zu finden... Lieber unglücklich als gefühlskalt!

Über diese psychologischen Feinheiten erhebt sich aber ein verzweifelter Aufschrei, der wohl an uns alle gerichtet ist: Wo find ich eine Blüte, wo find ich grünes Gras? Schon während des Ausrufens erfasst den Rufer die Resignation. Ohne auf eine Antwort zu hoffen, sinkt er zurück in seine Leidensspirale.

Die Raserei des an seinen Gefühlen Zweifelnden und am Zustand der Welt Verzweifelnden brachten Peter Schreier und András Schiff 1993 sehr glaubhaft zu Band.

 

5. Der Lindenbaum

(mäßig)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Am Brunnen vor dem Tore, 

da steht ein Lindenbaum;

ich träumt' in seinem Schatten 

so manchen süßen Traum.

 

Ich schnitt in seine Rinde 

so manches liebe Wort; 

es zog in Freud und Leide 

zu ihm mich immerfort.

 

Ich musst' auch heute wandern 

vorbei in tiefer Nacht, 

da hab ich noch im Dunkel 

die Augen zugemacht.

 

Und seine Zweige rauschten, 

als riefen sie mir zu: 

Komm her zu mir, Geselle, 

hier findst du deine Ruh!

 

Die kalten Winde bliesen 

mir grad ins Angesicht, 

der Hut flog mir vom Kopfe, 

ich wendete mich nicht.

 

Nun bin ich manche Stunde 

entfernt von jenem Ort, 

und immer hör ich's rauschen: 

Du fändest Ruhe dort!

 

Ich denke zurück an meinen Auszug aus der Stadt heute Nacht. Mein alter Vertrauter, der Lindenbaum, wollte mich nicht gehen lassen, lockte mich mit der Aussicht auf Ruhe, mit süßen Erinnerungen. Ich blieb zwar standhaft bei meinem Vorsatz zu gehen, aber im nachhinein schmerzt es mich sehr. Die Stimme des Baumes kommt nicht zur Ruhe in mir...

Was für eine Ruhe ist das, die der Lindenbaum verspricht? Muss ich bleiben, muss ich mir ansehen, wie meine Geliebte einen anderen heiratet, soll ich in dem ganzen Theater gespielter Liebe mitmachen und meine eigene Vernunftehe mit irgendeiner anderen anstreben? Das kann ich nicht, ich muss gehen! Auch wenn ich dafür alle Freundschaften aufgeben muss, auch wenn ich meinen Lindenbaum verlassen muss.

 

Schubert lässt die Musik ins Moll sinken, als der Wanderer ohne hinzusehen am Baum vorbeiwandert. Der Baum wendet seine ganze Überredungskunst auf und findet dabei Worte, die sich ins Gedächtnis eingraben. Und der Wind schlägt sich auf seine Seite, indem er dem Wanderer ein paar kräftige Böen ins Gesicht schleudert - umsonst. Er kommt zwar ins Taumeln, das Klavier scheint ihm zwischen der fünften und der sechsten Strophe den Boden unter den Füßen wegzuziehen, aber er geht weiter und wird nie mehr vergessen können.

Der Lindenbaum markiert einen entscheidenden Schritt: Der Wanderer wendet sich bewusst noch einmal gegen das Bleiben, gegen die Ruhe. Er zieht es vor zu frieren, unglücklich zu sein und an Heimweh zu leiden. Er will nicht vergessen, er will seinen Liebeskummer nicht überwinden, nicht verarbeiten. Im Unterschied zum ersten Lied der Winterreise ist ihm jetzt sein Trennungsschmerz voll bewusst; seine Liebe ist nicht mehr etwas womöglich halb Erkünsteltes, sondern etwas real Schönes geworden, von dem er sich trennen muss.

Was für einen weiten Weg legt dieser Mann schon in den ersten Stunden seiner Reise zurück! Kaum hat er die Geliebte verlassen, wird es ihm schon klar, dass er unglücklich ist, er hat es nicht nötig sich etwa jahrelang vorzumachen, die Trennung sei angenehm gewesen.

In diesem so undramatischen Lied (wenn der Sänger den Windabschnitt sehr laut singen sollte, befolgt er Schuberts Anweisungen nicht!) zeigt sich die große seelische Kraft des Wandernden, seine Offenheit gegenüber den eigenen Gefühlen, sein Verzicht auf Kompromisse und beschauliche Ruhe (selbst um den Preis des Verlusts von Heimat und Freundschaft), seine große Liebes- und Leidensfähigkeit.

Ist er nicht Schubert selber sehr ähnlich, der auf jede Ruhe, Sicherheit, Häuslichkeit freiwillig verzichtete, um seiner Vision zu folgen, seine Mission zu erfüllen, und zwar ohne jedes Selbstmitleid? Allerdings kann ich beim Winterreisenden noch keine Vision entdecken, es sei denn: unbedingte Ehrlichkeit gegenüber sich selbst? Absolute Liebe? Zu welchem Ziel sucht er den einsamen Weg?

Wie schön ist es trotz allen Schmerzes, diesen Weg zu gehen! Und wie schön ist es auch zu wissen: Du fändest Ruhe dort...

 

6. Wasserflut

(langsam)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Manche Trän' aus meinen Augen 

ist gefallen in den Schnee: 

Seine kalten Flocken saugen 

durstig ein das heiße Weh.

 

Wenn die Gräser sprossen wollen, 

weht daher ein lauer Wind 

und das Eis zerspringt in Schollen 

und der weiche Schnee zerrinnt.

 

Schnee, du weißt von meinem Sehnen, 

sag, wohin doch geht dein Lauf? 

Folge nach nur meinen Tränen, 

nimmt dich bald das Bächlein auf.

 

Wirst mit ihm die Stadt durchziehen, 

muntre Straßen ein und aus; 

fühlst du meine Tränen glühen? 

Da ist meiner Liebsten Haus.

 

Tauwetter? Oder Träume vom nächsten Frühling? Jedenfalls wird hier die Welt sehr schön aus der Gegenrichtung betrachtet: Die Gräser beschließen, sprossen zu wollen, und der Wind richtet sich danach; die Tränen im Schnee führen das Schmelzwasser den Weg.

Technisch denkenden Menschen fällt es sicher auf, dass mein Weg talaufwärts führt, Richtung Gebirge. Vielleicht wäre die Flucht talabwärts doch eine definitivere gewesen? Dann hätte ich keine Möglichkeit mehr, Tränen zu ihr zu schicken...

 

Schubert kommt hier mit einem Strophenlied durch, d.h. die erste und die zweite Hälfte des Liedes sind musikalisch identisch. Dass die erste und die dritte Strophe korrespondieren, liegt auf der Hand. Aber die zweite und die vierte sind schon schwerer unter einen Hut zu bringen. Die Frühlingsträume sind so schließlich genauso absurd wie die Vorstellung der durch die Stadt ziehenden Tränen. Und der weiche Schnee zerrinnt bekommt den gleichen Gefühlsausbruch, das gleiche ungeduldige Drängen wie da ist meiner Liebsten Haus, ein wahnsinnig anmutender Aufschrei. Aber jeweils erst beim zweiten Singen! Der Mann steigert sich in seine Emotionen etwas künstlich hinein.

So können wir vielleicht ein wenig aufatmen; das Lied transportiert doch einiges an Hoffnung: Das Leid des Wanderers ist teilweise theatralisch, die nächste Schneeschmelze rückt in sein Blickfeld und vor allem geht er nicht selbst in die Stadt zurück, sondern lässt das seine Tränen besorgen.