7. Auf dem Flusse

(langsam)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der du so lustig rauschtest, 

du heller, wilder Fluss, 

wie still bist du geworden, 

gibst keinen Scheidegruß.

 

Mit harter, starrer Rinde 

hast du dich überdeckt, 

liegst kalt und unbeweglich 

im Sande ausgestreckt.

 

In deine Decke grab ich 

mit einem spitzen Stein 

den Namen meiner Liebsten 

und Stund und Tag hinein:

 

den Tag des ersten Grußes, 

den Tag, an dem ich ging; 

um Nam und Zahlen windet 

sich ein zerbrochner Ring.

 

Mein Herz, in diesem Bache 

erkennst du nun dein Bild? 

Obs unter seiner Rinde 

wohl auch so reißend schwillt?

 

Was schon im vorigen Lied begann, wird hier noch deutlicher: Ich steigere mich absichtlich in meinen Liebesschmerz hinein. Ich besuche Erinnerungsorte und finde schriftlichen Ausdruck für meine zerbrochene Liebe. Und schließlich entdecke ich ein fabelhaftes Bild für mein gequältes Herz: den zugefrorenen Fluss mit seiner wilden Strömung unterm Eis. Noch einmal kann ich mein Leid mit vollem Genuss ausleben...

 

Schubert scheint schon ein wenig genug zu haben von der ewigen Leiderei: Er erlaubt sich in diesem tieftraurig-dramatischen Lied einige Späße in der Klavierbegleitung. Schon der Gehrhythmus bei der Ankunft am Fluss erscheint komisch, wie eine tollpatschige Gestalt aus einem alten Stummfilm. In der zweiten Strophe hört man dann sehr deutlich das Klopfen des Steins auf dem Eis, das in der dritten, beim Eintragen des Kennenlern- und des Abschiedsdatums, besonders leidenschaftlich wird, ehe dann bei der Darstellung des zerbrochenen Rings oben und unten sehr niedliche, verschönernde Korrekturen an dem Werk vorgenommen werden. Darauf gibt der Komponist dem Sänger jede Möglichkeit, sein wahnsinniges Leiden, seine Schreckensvision mit aller Inbrunst hinauszuschreien, um beim letzten Ton urplötzlich leise zu werden. Und Charlie Chaplin stochert von dannen.

8. Rückblick

(nicht zu geschwind)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Es brennt mir unter beiden Sohlen, 

tret ich auch schon auf Eis und Schnee, 

ich möcht nicht wieder Atem holen, 

bis ich nicht mehr die Türme seh.

 

Hab mich an jeden Stein gestoßen, 

so eilt' ich zu der Stadt hinaus, 

die Krähen warfen Bäll' und Schloßen 

auf meinen Hut von jedem Haus.

 

Wie anders hast du mich empfangen, 

du Stadt der Unbeständigkeit! 

An deinen blanken Fenstern sangen 

die Lerch' und Nachtigall im Streit.

 

Die runden Lindenbäume blühten, 

die klaren Rinnen rauschten hell, 

und ach, zwei Mädchenaugen glühten! 

Da war's geschehn um dich, Gesell'!

 

Kömmt mir der Tag in die Gedanken, 

möcht ich noch einmal rückwaerts sehn, 

möcht ich zurücke wieder wanken, 

vor ihrem Hause stillestehn.

 

Jetzt erfolgt ein Nachtrag über den Auszug aus der Stadt (und es wird nicht der letzte sein). Aber abgesehen vom erneuten Versinken in schmerzlicher Erinnerung - schmerzlich-schöner und schmerzlich-schmerzvoller - gibt es auch Positives zu vermelden: Immerhin raffe ich mich jetzt ernsthaft dazu auf die Stadt hinter mir zu lassen, jedenfalls am Anfang des Lieds; durch die schmerzhaften Erinnerungen gebremst, bleibe ich allerdings am Ende wieder physisch und psychisch stehen...

Hier zeigt sich eine neue Zerrissenheit: einerseits die Erinnerung an das schreckliche Ende der Liebesgeschichte, das zur Flucht treibt, andererseits die Erinnerung an die goldenen Zeiten, die lähmend wirkt.

 

Musikalisch sind diese beiden Zustände ganz scharf voneinander getrennt, die letzte Strophe malt deutlich das Vaszillieren zwischen beiden und den daraus resultierenden Stillstand.

Wie viel Interpretationsspielraum trotz aller Geschliffenheit der Komposition dem Sänger noch bleibt, zeigt sich sehr schön beim Vergleich von Peter Schreier/András Schiff (1993) mit Dietrich Fischer-Dieskau/Gerald Moore (1955): Der erstere weint beim Gedanken an die zwei Mädchenaugen, der letztere während der ganzen letzten Strophe...

9. Irrlicht

(langsam)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

In die tiefsten Felsengründe 

lockte mich ein Irrlicht hin: 

Wie ich einen Ausgang finde, 

liegt nicht schwer mir in dem Sinn.

 

Bin gewohnt das Irregehen, 

's führt ja jeder Weg zum Ziel: 

Unsre Freuden, unsre Leiden, 

alles eines Irrlichts Spiel!

 

Durch des Bergstroms trockne Rinnen 

wind ich ruhig mich hinab. 

Jeder Strom wird 's Meer gewinnen, 

jedes Leiden auch sein Grab.

Hier beginnt die eigentliche Winterreise! Endlich habe ich der Stadt den Rücken gekehrt und bin ins Gebirge gezogen. Sofort wird mir leichter; ich kümmere mich nicht mehr darum, wo ich bin, ich trete ins Bergreich ein und gewinne Abstand zu meinen Kümmernissen, kann sie gelassen aus der Ferne betrachten. Es wird mir bewusst, wie weit mein Leben von der tieferen Wirklichkeit entfernt war, der ich mich jetzt nähern kann. Und es wird mir endlich wieder klar, dass jeder Liebeskummer nur eine vorübergehende Phase ist. Jedes Leiden findet sein Grab...

...sein Grab?? Hier wird schweres Wortgeschütz aufgefahren. Erlöst etwa nur der Tod den Wanderer von seinen Schmerzen?? Ein gefundenes Fressen für Musikforscher, die bei Schubert in jeder zweiten Zeile seine angebliche Todessehnsucht erkennen wollen. Aber warten wir's ab und sehen wir, wie es weitergeht!

 

Schubert kennt die Situation sehr gut, von der er hier berichtet. Die Musik beschreibt mit minimalen Mitteln ganz genau das Eintauchen des Reisenden in die andere Welt der Natur, das Ruhigerwerden, das Abstandgewinnen. Am Ende des Liedes wird jedoch nicht das Grab betont, sondern das Leiden: In einem schmerzlichen Aufweinen bleibt es gegenwärtig. So schnell wird dieses Leiden nicht heilbar sein, es wird seine Zeit dauern, bis dieser Strom das Meer ge-winnt...

Musikalisch ist dieses Lied ungeheuer modern. Durch des Bergstroms trockne Rinnen winde ruhig ich mich hinab: Ganz anders als in der Romantik üblich, beschreibt Schubert mit seiner Musik nicht den Text. Die Musik windet sich nicht ruhig hinab, sondern geht mit schwerem, sicherem, selbstbewusstem Schritt, nicht ruhig, sondern kräftig. Schubert beschreibt den Gefühlszustand des Wanderers, wie ein Komponist des 20. Jahrhunderts...

10. Rast

(mäßig)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Nun merk ich erst, wie müd' ich bin, 

da ich zur Ruh mich lege; 

das Wandern hielt mich munter hin 

auf unwirtbarem Wege.

 

Die Füße frugen nicht nach Rast, 

es war zu kalt zum Stehen; 

der Rücken fühlte keine Last, 

der Sturm half fort mich wehen.

 

In eines Köhlers engem Haus 

hab Obdach ich gefunden; 

doch meine Glieder ruhn nicht aus, 

so brennen ihre Wunden.

 

Auch du, mein Herz, in Kampf und Sturm 

so wild und so verwegen, 

fühlst in der Still' erst deinen Wurm 

mit heißem Stich sich regen!

Der schwierige Moment auf einer solchen Reise: das Stehenbleiben. Die Schmerzen meines nicht ans Gehen gewöhnten Körpers sind einer Überwindung meiner seelischen Probleme nicht gerade zuträglich. Dazu kommt das Zusammentreffen mit Menschen, bei denen mein sturmzerfurchtes Gesicht Mitleid erregt. Mühelos durchschauen sie meine Situation, mit diesem Gesicht hätte ich nicht die geringste Möglichkeit einen glücklichen Wanderer zu mimen.

Auch ist das Schlafen in so einem Haus nicht leicht: Abgeschirmt von den Geräuschen des Waldes, in der Stickluft der engen Schlafkammer, geteilt mit den Köhlersleuten, tritt das eigene Leiden riesenhaft groß hervor.

Was dem Wanderer vielleicht nicht bewusst ist: Es ist nicht die Stille an sich, sondern die unnatürliche Stille des fremden Hauses, die ihm zu schaffen macht. Würde er draußen übernachten, hätte er weit weniger Probleme. Aber anscheinend hat er keinen wintertauglichen Schlafsack. Außerdem ist er ein Weichei. Wenn jemand die Blasen an seinen Füßen schon als Wunden bezeichnet, kann man sich ausmalen, wie stark der Sturm draußen ist...

 

Schuberts Musik zeichnet einen erschöpften Menschen. Diesmal verschont er ihn mit ironischen Einwürfen, auch Schubert hat Mitleid mit ihm, allerdings nicht unbegrenzt: Der Stich des Wurms wird mit brutaler Schärfe ausgeführt, mit einem Sprung über 9 Töne hinauf.

Interessanterweise verfügt der Sturm in der zweiten Strophe über dieselbe Stichintensität, wenn er den Reisenden fortweht. Das relativiert die Gefährlichkeit dieses Wurms doch einigermaßen...

11. Frühlingstraum

(etwas bewegt – schnell – langsam)

 

 

 

Ich träumte von bunten Blumen, 

so wie sie wohl blühen im Mai, 

ich träumte von grünen Wiesen, 

von lustigem Vogelgeschrei.

 

Und als die Hähne krähten, 

da ward mein Auge wach; 

da war es kalt und finster, 

es schrien die Raben vom Dach.

 

Doch an den Fensterscheiben, 

wer malte die Blätter da? 

Ihr lacht wohl über den Träumer, 

der Blumen im Winter sah?

 

Ich träumte von Lieb um Liebe, 

von einer schönen Maid, 

von Herzen und von Küssen, 

von Wonne und Seligkeit.

 

Und als die Hähne krähten, 

da ward mein Herze wach; 

nun sitz ich hier alleine 

und denke dem Traume nach.

 

Die Augen schließ ich wieder, 

noch schlägt das Herz so warm. 

Wann grünt ihr Blätter am Fenster? 

Wann halt ich mein Liebchen im Arm?

Der Text dieses Lieds bedarf wohl keiner Erläuterung. Erwähnenswert könnte aber sein, dass der Träumer sich bewusst dazu entschließt, vor der Realität die Augen zu verschließen und in seinem Traum zu verweilen, obwohl er weiß, dass es nur ein Traum ist.

Hier wird zum einzigen Mal der Leser bzw. Hörer direkt angesprochen: Ihr lacht wohl? Zugegeben, ich habe bisher schon einige Male über den Wanderer gelacht, allerdings nur über sein Leiden; über seine Träumerei würde ich sicher nicht lachen!

 

Schubert lacht jedenfalls nicht. Dafür greift er ganz tief in die Schatzkiste musikalischer Schönheit, wenn er den Träumer in seine Träume zurücksinken lässt. Der Traum ein Leben, könnte man sagen, und zwar das bessere Leben.

Am Ende des Liedes wird es spannend. Wann halt ich mein Liebchen im Arm? Das Klavier zögert sehr lange mit der Antwort, gibt nur Oktaven von sich, entscheidet sich nicht für eine Tonart. Dann, ganz leise und resignierend, versinkt der letzte Akkord im Moll. Auf dich, Wanderer, wartet etwas anderes als eine neue Frau, ein neuerliches Davonlaufen vor deinem Weg, deiner Vision!

12. Einsamkeit

(langsam)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wie eine trübe Wolke 

durch heit're Lüfte geht,

wenn in der Tanne Wipfel 

ein mattes Lüftchen weht:

 

So zieh ich meine Straße 

dahin mit trägem Fuß 

durch helles, frohes Leben, 

einsam und ohne Gruß.

 

Ach, dass die Luft so ruhig! 

Ach, dass die Welt so licht! 

Als noch die Stürme tobten, 

war ich so elend nicht.

Ist es nicht sehr hübsch, dieses Bild von der trüben Wolke, trotz aller Traurigkeit? Immerhin sehe ich, dass die Welt hell und froh ist, das ist doch schon etwas! Das relativiert doch meine Trauer ungemein, oder? Durch den Kontrast mit meiner Umgebung kann ich sie sogar richtiggehend genießen...

Mein größtes Problem besteht eigentlich darin, dass es in meinem Leben zu ruhig geworden ist; es fehlen mir die Stürme, die mich wie einen Kämpfer aussehen ließen, wie einen Ritter im Zeichen der Liebe. Wie kläglich wirke ich hingegen in dieser friedlichen Helle!

 

Schubert spottet weit weniger als ich. Er arbeitet hier aber sehr deutlich das Schöne der einsamen Wanderung heraus, die ersten beiden Strophen scheinen einen Weg in die Zukunft zu beschreiben, der zwar als traurig empfunden wird, aber doch eine sehr innige Schönheit ausstrahlt. Die Vermutung, dass Schubert zunächst nur den ersten Teil der Winterreise kannte und komponierte, also bis zu diesem Lied, könnte zutreffend sein. Wie im Leiermann und im Harfner geht der unglücklich Glückliche in eine im Moll liegende Zukunft hinein.

Vielleicht nicht so schön, dafür aber besonders interessant scheint mir die dritte Strophe zu sein: Das jammernde Ach-Rufen des Wanderers endet in einem ganz leise gesprochenen ruhig bzw. licht, als würde es ihm nicht ins Konzept passen. Dann nimmt er stampfend Anlauf für die Beschwörung seiner Herzensstürme mit dem anschließenden Versinken ins Elend.

Obwohl Schubert den Mann insofern nicht ganz ernst nimmt, als er die Anstrengung demonstriert, mit der sich dieser in sein Leiden wirft, verspottet er ihn nicht, macht sich nicht über ihn lustig. Im Gegenteil, er schenkt ihm ehrlich gefühltes Mitleid.