19. Täuschung

(etwas geschwind)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ein Licht tanzt freundlich vor mir her,

ich folg’ ihm nach die Kreuz und Quer;

ich folg’ ihm gern und seh’s ihm an,

dass es verlockt den Wandersmann.

 

Ach! wer wie ich so elend ist,

gibt gern sich hin der bunten List,

die hinter Eis und Nacht und Graus

ihm weist ein helles, warmes Haus

und eine liebe Seele drin;

nur Täuschung ist für mich Gewinn!

 

Illusionen bei klarem Bewusstsein, Selbsttäuschung mit vollem Wissen. Ich leide, sehe mich leiden, träume und sehe mich träumen – das ist doch gar nicht übel, oder?

 

Schubert ist auch dieser Meinung. Das Lied ist optimistisch, nur ein flüchtiger Schatten huscht durch die Leidenszeile.

 

Den Sängerwettbewerb – wer kann den Satz „die hinter Eis und Nacht und Graus ihm weist ein helles, warmes Haus“ in einem Atemzug am langsamsten singen? – gewann Fischer-Dieskau in seiner Aufnahme von 1962. (Schade, dass seine Emotionen in dieser technisch fantastischen Winterreise so geschauspielert wirken! Er singt den ganzen Zyklus mit spitzem Mund, aus heutiger Sicht ziemlich unangenehm.)

 

20. Der Wegweiser

(mäßig)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Was vermeid’ ich denn die Wege,

wo die andren (Schubert: andern) Wandrer gehn,

suche mir versteckte Stege

durch verschneite Felsenhöhn?

 

Habe ja doch nichts begangen,

dass ich Menschen sollte scheun,

welch ein törichtes Verlangen 

treibt mich in die Wüstenei'n?

 

Weiser stehen auf den Straßen (Schubert: Wegen),

weisen auf die Städte zu,

und ich wand’re sonder Maßen

ohne Ruh und suche Ruh.

 

Einen Weiser seh’ ich stehen

unverrückt vor meinem Blick;

eine Straße muss ich gehen,

die noch keiner ging zurück.

 

Ich weiß es schon so ungefähr, warum ich den einsamen Weg gehe, aber ich sag’s nicht. Kommt ihr von selber drauf?

Ein ganz entscheidendes Lied, hier beginnt die „andere“ Zukunft des Wanderers. Er hat aufgehört sich nach hinten zu wenden und geht jetzt bewusst seinen eigenen Weg.

 

Schubert legt eine tiefe Verzweiflung ins erste „und suche Ruh“, doch schon in den beiden folgenden Wiederholungen festigt sich der Gedanke zu einem Willen. - Ganz groß angelegt, aus dem Mysteriösen herauswachsend und sich immer stabiler aufbauend das „eine Straße muss ich gehen, die noch keiner ging zurück“. Die noch keiner ging zurück!

 

Man könnte versucht sein, diese Straße als den Weg in den Tod zu sehen, und vielleicht hat der Wanderer auch so eine Idee im Hinterkopf. Aber im nächsten Lied werden wir sehen, dass das ein Irrtum ist.

 

21. Das Wirtshaus

(sehr langsam)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Auf einen Totenacker

hat mich mein Weg gebracht.

Allhier will ich einkehren,

hab ich bei mir gedacht.

 

Ihr grünen Totenkränze

könnt wohl die Zeichen sein,

die müde Wand'rer laden

ins kühle Wirtshaus ein.

 

Sind denn in diesem Hause

die Kammern all besetzt?

Bin matt zum Niedersinken,

bin tödlich schwer verletzt.

 

O unbarmherz’ge Schenke,

doch weisest du mich ab?

Nun weiter denn, nur weiter,

mein treuer Wanderstab!

 

Ich bin so erschöpft, dass ich sterben möchte, aber ich darf nicht.

Warum ist der Mann eigentlich „tödlich schwer verletzt“? Ist es wirklich sein Liebeskummer, der ihn so fertig macht? Ich denke, etwas anderes spielt vielleicht eine größere Rolle: das Bewusstsein, dass er in der Gesellschaft nichts mehr zu suchen hat, dass er den einsamen Weg gehen muss.

 

Sterben wäre leichter als diesen Weg zu gehen. Aber der Wanderer rafft sich auf, ergreift seinen Wanderstab und marschiert los.

(Diese Situation kennt Schubert nur zu gut. Er erlebte sie mit 18 Jahren und legte seinen Wanderstab – seine Schreibfeder – bis zum Tod nicht mehr weg.)

Das Klavier stapft festen Schritts davon.

 

22. Mut!

(ziemlich geschwind, kräftig)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Fliegt der Schnee mir ins Gesicht,

schüttl’ ich ihn herunter.

Wenn mein Herz im Busen spricht,

sing’ ich hell und munter;

 

höre nicht, was es mir sagt,

habe keine Ohren,

fühle nicht, was es mir klagt,

Klagen ist für Toren.

 

Lustig in die Welt hinein

gegen Wind und Wetter!

Will kein Gott auf Erden sein,

sind wir selber Götter!

 

Schwierigkeiten sind da um sie zu 

überwinden! Gott und Schicksal wollen uns 

in unserer Misere sitzen lassen - aber nicht 

mit mir! Ich mache mir mein Schicksal selber!

 

Schubert liest aufmerksamer und baut das Gedicht aus: Die ersten beiden Strophen sollen leise gesungen werden, dazwischen treibt das Klavier laut vorwärts. Die Komposition zeichnet hier einen etwas schüchternen, noch unsicheren Menschen, der sich vorgenommen hat erwachsen zu werden. Sein Leiden ist ihm bewusst, aber mit festen Schritten stapft er weiter, gewinnt an Selbstsicherheit und wirft mit neuem Mut die Götter von ihrem Podest herunter um sich selbst draufzustellen.

 

Meiner Meinung nach ist der Mann damit gerettet. Statt sich in ängstlicher Demut vor dem Schicksal zu beugen erkennt er, dass man sich sein Glück selbst machen muss. Er kehrt zur Aufbruchsstimmung des ersten Liedes zurück. Damals wusste er noch nicht, welche Streiche ihm sein Herz nach dem Auszug spielen würde; jetzt scheint er stark genug, trotzdem seinen Weg zu gehen.

 

23. Die Nebensonnen

(nicht zu langsam)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Drei Sonnen sah ich am Himmel stehn,

hab lang und fest sie angesehn;

und sie auch standen da so stier,

als wollten sie nicht weg von mir.

 

Ach, meine Sonnen seid ihr nicht!

Schaut andern doch ins Angesicht!

 

Ja, neulich hatt' ich auch wohl drei;

nun sind hinab die besten zwei.

Ging' nur die dritt' erst hinterdrein!

Im Dunkeln wird mir wohler sein.

 

Bei diesem Lied komme ich ins Schwitzen: Was soll das bedeuten? Von welchen Sonnen wird hier gesungen?

Es ist mir peinlich, die oft gelesene Version der „Augen des Mädchens“ hier wiederzukäuen; aber etwas Besseres fällt mir leider nicht ein...

Was man ebenfalls oft lesen kann: Die drei Sonnen sollen Glauben, Hoffnung und Liebe symbolisieren. Das hieße dann, dass der Wanderer nicht nur Religion und Liebe ablehnt, sondern auch auf jede Hoffnung verzichtet. Wäre das die ideale Ausgangssituation für einen, der seinen eigenen Weg finden will abseits dieser Sonnen, die uns verblenden und dem kreativen, illusionslosen Dunkel entfremden? 

Fest steht, dass diese Nebensonnen etwas sind, was ihn nicht verlassen will; dass er sich darüber ärgert und sich bewusst davon distanziert. Und sich mit Wehmut daran erinnert, wobei er zwischen den damaligen Nebensonnen (seinen) und den jetzigen (nicht seinen) unterscheidet.

Der Wanderer ist ganz offen für seine Liebesgefühle, aber illusionslos. Wer kennt diese hoffnungslose Situation nicht? Wenn es endlich Nacht wird, weicht die Bedrückung ein wenig und das Leben erscheint erträglich. Am Tag löst die Sonne depressionsähnliche Zustände aus. Und hier gar drei Sonnen!

 

Schubert beginnt das Lied leise und schreit plötzlich: „Und sie auch standen da so stier“, anklagend.

Kein (Geh-)Rhythmus. Erst bei „Ach, meine Sonnen seid ihr nicht“ kommt Bewegung in den Mann, durch seine Distanzierung von diesen Nebensonnen geht es wieder vorwärts. Weitergehend kann er sich erinnern, weitergehend kann er ein Ziel erkennen – wenn auch einstweilen nur die nächste Nacht... Oder eine dauernde Nacht??

24. Der Leiermann

(etwas langsam)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Drüben hinterm Dorfe

steht ein Leiermann,

und mit starren Fingern

dreht er, was er kann.

 

Barfuß auf dem Eise

wankt er hin und her,

und sein kleiner Teller

bleibt ihm immer leer.

 

Keiner mag ihn hören,

keiner sieht ihn an,

und die Hunde knurren 

um den alten Mann.

 

Und er lässt es gehen

alles, wie es will,

dreht, und seine Leier

steht ihm nimmer still.

 

Wunderlicher Alter,

soll ich mir dir gehn?

Willst zu meinen Liedern

deine Leier drehn?

 

Hier gibt es wohl kaum Unklarheiten, außer das Instrument betreffend: Diese Leier ist kein Leierkasten, sondern die früher weit verbreitete Drehleier, ein Instrument, bei dem die Saiten von einem Rad in Schwingung versetzt werden und auf dem die Melodie mit tastenähnlichen Schiebern gespielt wird, wobei zwei Saiten ständig erklingen, die Tonika und die Dominante. Hören Sie dieses Lied und Sie wissen, wie die Drehleier klang...

 

Der Wanderer ist also dabei sich mit dem Leiermann auf den Weg zu machen. Die dritte Phase der Winterreise beginnt, die vielleicht endlose, die eigentliche, durch den Winter des Straßensängerdaseins. (Ich vermute, dass dieser Winter nur von außen so grimmig aussieht und dass für die Musikanten so manche Frühlingsblume blüht.)

 

Schubert betont die Ungeheuerlichkeit der Frage am Ende. Das Herz schlägt dem Winterreisenden bis zum Hals, als er sie ausgesprochen hat. Er weiß, dass er eine große Entscheidung gefällt hat.

 

Damit erfüllt sich, was den ganzen Zyklus hindurch immer wieder als essentiell erkannt wurde: der Ausstieg aus der Gesellschaft – nicht nur als Mittel zur Überwindung des Liebeskummers, sondern als Mittel um Mensch zu bleiben bzw. zu werden; um nicht zu versacken in Sentimentalität, Träumerei oder Depression; um nicht im Sicherheitsgestrüpp zu ersticken; um das zu tun, was wichtig ist: mit Gleichgesinnten sein Lied zu singen!