13. Die Post

(etwas geschwind)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Von der Straße her ein Posthorn klingt.  

Was hat es, dass es so hoch aufspringt, 

mein Herz?

 

Die Post bringt keinen Brief für dich.      

Was drängst du denn so wunderlich,      

mein Herz?

 

Nun ja, die Post kommt aus der Stadt,   

wo ich ein liebes Liebchen hatt’,              

mein Herz!

 

Willst wohl einmal hinübersehn              

und fragen, wie es dort mag gehn,           

mein Herz?

 

Die Postkutsche stellt plötzlich eine Verbindung zwischen ihr und mir her – jedenfalls ist mein Herz dieser Ansicht. Irgendeine Nachricht aus ihrer Stadt will es erhaschen...

In diesem Lied ist unser Wandersmann ganz frei von jedem Theaterspielen, von künstlichen Gefühlen jeglicher Art. Er verbohrt sich weder in sein Schmerzensdrama, noch gibt er sich irgendwelchen Illusionen hin. Ein ehrliches, offen gefühltes Herzklopfen packt ihn und macht ihm und uns deutlich, dass seine verlorene Liebe ihn weiterhin trägt. Schon das Posthornsignal gibt ihm neue Kraft...

 

Dementsprechend schafft Schubert eine einfache, klare, ungekünstelte Melodie ohne Schatteneinbrüche. Der Posthornton verbindet sich mit dem Herzschlag zu einer harmonischen Einheit. Am Ende ein ganz kurzes Zögern – soll ich wirklich rübergehen? Und dann geht er. Ein Lichtblick!

 

14. Der greise Kopf

(etwas langsam)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Reif hat einen weißen Schein

mir übers Haar gestreuet;

da glaubt’ ich schon ein Greis zu sein

und hab’ mich sehr gefreuet.

 

Doch bald ist er hinweggetaut,

hab’ wieder schwarze Haare,

dass mir’s vor meiner Jugend graut;

wie weit noch bis zur Bahre!

 

Vom Abendrot zum Morgenlicht

ward mancher Kopf zum Greise.

Wer glaubt’s? und meiner ward es nicht

auf dieser ganzen Reise!

 

Darf das denn wahr sein? Mein Liebesschmerz hinterlässt keine Spuren in meinem Gesicht?? Andere Leute werden aus Gram in einer einzigen Nacht schneeweiß, und bei mir tut sich überhaupt nichts, trotz dieser langen Reise durchs Elend meiner Seele?

 

Der offenkundige Humor in diesem Gedicht, die schneidende Selbstironie des Wanderers sind natürlich eine dankbare Vorlage für Schubert. Er malt mit Hingabe die gespielte Dramatik („mir übers Haar gestreuet“), die Unheimlichkeit des Greises, gleich darauf das Gelächter des Reisenden („sehr gefreuet“), dann wieder („hinweggetaut“) wirkt er wie ein schmollendes Kind, das die ersehnte Süßigkeit nicht bekommen hat, darauf folgt Klaus-Kinski-mäßiges Grauen usw.usw. Ein Höhepunkt ist vielleicht das „Wer glaubt’s?“, da blickt der pure Schelm unter der Narrenkappe hervor. Man fühlt sich wie in einem Komödientheater oder Stummfilm.

 

Und nun kommt aber das Entsetzliche: Trotz der Empfehlung des Komponisten, das Stück „etwas langsam“ zu spielen, also den Klamauk nicht zu übertreiben, singen alle Berühmtheiten, die ich bisher gehört habe, dieses Lied sehr, sehr langsam, machen daraus einen Grabesgesang, erbärmlich! Also manchmal bin ich schon sehr knapp daran an mut- und saftlosen Klassiksängern zu verzweifeln und den ganzen Aufnahmenkrempel wegzuschmeißen. Tragisches verstehen sie ja noch zur Not, aber wenn’s lustig wird, können sie damit nichts anfangen. Es ist zum Weinen! Naja, wer noch einigermaßen lachen kann, wird normalerweise ja auch kein klassischer Musiker...

 

15. Die Krähe

(etwas langsam)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Eine Krähe war mit mir

aus der Stadt gezogen,

ist bis heute für und für

um mein Haupt geflogen.

 

Krähe, wunderliches Tier,

willst mich nicht verlassen?

Meinst wohl bald als Beute hier

meinen Leib zu fassen?

 

Nun, es wird nicht weit mehr geh’n

an dem Wanderstabe.

Krähe, lass mich endlich seh’n

Treue bis zum Grabe!

 

Sarkastisch geht’s weiter. In letzter Zeit bin ich doch recht gut drauf! Jetzt fordere ich den Miniatur-Aasgeier dazu auf, mir treu zu bleiben – bis zum bald zu erwartenden Ableben...

 

Schubert lässt die Krähe und den Winterreisenden völlig parallel dahinziehen, wie zwei Geschwister oder sonst irgendwie nahe Verbundene. Der Vogel scheint den Menschen zu begleiten, aber vielleicht ist es auch umgekehrt: Immerhin beginnt die Krähe die Melodie dieses Liedes zu singen, der Wanderer stimmt erst später ein, und die Krähe besorgt auch den Nachgesang. Im Dialogteil wirken die beiden wie gute Freunde: „Willst mich nicht verlassen?“ hat nichts Unheimliches, sondern wirkt scherzhaft augenzwinkernd. Die Einladung „meinen Leib zu fassen“ hat auch keinen Schrecken, ist eher ein Kokettieren mit dem Tod. Sympathische Lust an der Verzweiflung! Schmerzhaft wird’s aber beim ersten Aufschrei „Treue bis zum Grabe“, der sich in der Wiederholung in bittere Resignation verwandelt. Schubert verliert trotz allem Spaß niemals das Ernste der Situation aus dem Auge.

 

Das Lied verleitet zum Schnellsingen, deshalb wohl der Hinweis „etwas langsam“. Ein vielleicht nicht genannt werden wollender Sänger mit fröhlich flatterndem Pianisten hielt sich nicht daran und verwandelte so die Krähe in einen Spatzen. Ein anderer Sangeskünstler las wohl versehentlich nur „langsam“, wodurch der bittere Humor des Stücks verschwand und sich ein tödlicher Abgrund öffnete. Glücklicherweise gibt es aber viele Sänger, die Schuberts Wegweisern folgen, die er mit letzter Kraft, bis ihn der Tod am Weiterarbeiten hinderte, in der „Winterreise“ aufstellte.

 

16. Letzte Hoffnung

(nicht zu geschwind)

 

 

 

 

 

 

 

Hie und da ist an den Bäumen

noch ein buntes (Schubert: manches bunte) Blatt zu seh’n,

und ich bleibe vor den Bäumen

oftmals in Gedanken steh’n.

 

Schaue nach dem einen Blatte,

hänge meine Hoffnung dran;

spielt der Wind mit meinem Blatte,

zittr’ ich, was ich zittern kann.

 

Ach, und fällt das Blatt zu Boden,

fällt mit ihm die Hoffnung ab,

fall’ ich selber mit zu Boden,

wein’ auf meiner Hoffnung Grab.

 

Ja, ich gebe es ja zu: Ich leide doch recht gerne. Für mein kleines Lotteriespiel wähle ich ein Blatt, das demnächst abstürzen muss. Trotzdem kann ich es nicht erwarten, dass es tatsächlich passiert, und ich stelle mir schon vorausschauend vor, wie ich weinen werde...

 

Schuberts klangmalende Darstellung der Szene ist wieder einmal punktgenau. Die Musik zeigt uns den Wanderer in allen Details: sein Stehenbleiben in Gedanken, die Idee zu seinem Schicksalsspiel mit der Hoffnung, sein Aufheulen in der letzten Zeile. Ob es Schubert selbst bewusst war, dass diese letzte Zeile, besonders wenn man sie in Großbuchstaben denkt („Wein, Wein auf meiner Hoffnung Grab“), an einen Heurigenmusiker kurz vorm Delirium tremens denken lässt?

 

17. Im Dorfe

(etwas langsam)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Es bellen die Hunde, es rasseln die Ketten;

es schnarchen (Schubert: schlafen) die Menschen in ihren Betten,

träumen sich manches, was sie nicht haben,

tun sich im Guten und Argen erlaben;

und morgen früh ist alles zerflossen.

Je nun, sie haben ihr Teil genossen

und hoffen, was sie noch übrigließen,

doch wieder zu finden auf ihren Kissen.

 

Bellt mich nur fort, ihr wachen Hunde,

lasst mich nicht ruh’n in der Schlummerstunde!

Ich bin zu Ende mit allen Träumen,

was will ich unter den Schläfern säumen?

 

Die nächtliche Durchquerung eines Dorfes gibt mir das Gefühl zurück, das mich schon geprägt hatte, bevor ich die Winterreise begann: Ich gehöre nicht zu diesen Leuten, zu diesen Träumern vom Mehr und Mehr. Ich bin wach, Schläfer sind nicht die passende Gesellschaft für mich.

 

Der beißend sarkastische Ton des Gedichts wird von Schubert abgeschwächt („schnarchen“ → „schlafen“), aber nicht aufgegeben; z.B. wird die Stimme bei „es schlafen die Menschen in ihren Betten“ etwas lauter – ein unheimlicher Moment. Wie so oft sehen wir auch in diesem Lied die Fähigkeit Schuberts, durch Leisesprechen und das Verwenden sanfterer Wörter den Effekt noch zu verstärken. Durch die Verinnerlichung des Gesagten (anstatt es hinauszuschreien) erzielt er eine Steigerung des Ausdrucks. Dass die Kettenhunde nur ganz leise mit den Ketten rasseln, macht sie noch unheimlicher, geradezu bedrohlich. Und dass der Wanderer ganz leise durch das Dorf geht, versetzt uns viel stärker in seine Lage, als dies sein Hohngelächter könnte.

 

Hören Sie Matthias Goerne live mit Alfred Brendel, und Sie werden verstehen, wie dringend nötig es ist, sich von den Schläfern und Träumern zu distanzieren, um ein ganzer Mensch zu bleiben!

 

18. Der stürmische Morgen

(ziemlich geschwind, doch kräftig)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wie hat der Sturm zerrissen

des Himmels graues Kleid!

Die Wolkenfetzen flattern 

umher in mattem Streit.

 

Und rote Feuerflammen

zieh’n zwischen ihnen hin:

Das nenn’ ich einen Morgen

so recht nach meinem Sinn!

 

Mein Herz sieht an dem Himmel

gemalt sein eignes Bild:

Es ist nichts als der Winter,

der Winter kalt und wild!

 

Mehr noch als die Erfahrung des Nicht-Dazugehörens im vorigen Lied zeigt mir diese Morgenstimmung, wo ich zu Hause bin. Zerrissene Gräue, Feuerflammen – das ist meine Welt! Ein Winterherz!

 

Schubert schreibt hier ein bei ihm äußerst seltenes Vortragszeichen: ffz, also maximale Tonstärke, in der Passage „es ist nichts als der Winter“. Mit voller Wucht wird es hinausgebrüllt: Mein Herz ist kalt und wild! Wie befreiend, sich selbst zu erkennen als freier Mann, sich nicht über eine Frau definieren zu müssen!

Auch wenn wir vermuten können, dass sein Selbstbewusstsein nicht ganz sattelfest ist (sonst müsste er nicht so laut schreien): Allein das Geschrienhaben kann ihm schon weiterhelfen auf seinem Weg zur Mannwerdung...